aus gegebenen Anlass....

gurkenpabst
1068 postsMember, Battlefield 3, Battlefield 4, Battlefield 1, BF1 Incursions Alpha, Battlefield V Member
....hier nochmal ein Post von mir aus dem guten alten Battlelog Forum:

Angesichts der momentanen Wetterlage, werde ich noch einmal meinen Freund Max zu Wort kommen-, und ihn aus seiner/meiner Seele sprechen lassen, viel Spaß:


Der Sommerverächter (Max Goldt, 1989)
"Was machen jetzt all die Insekten? Ob die sich unter die parkenden Autos setzen und warten, bis alles vorbei ist?" denkt sich der Sommerverächter, als er aufgrund eines Wolkenbruchs das Zimmerfenster schließt, was ihm gut paßt, denn so hört er nicht das Gekreisch der halbnackten Menschen auf dem Nachbarbalkonen, die Bier und Gebäck in Sicherheit bringen. Während er so nur angenehmes Prasseln und Platschen vernimmt, fällt sein Blick noch einmal auf die Postkarte, die ihm seine Freundin aus ihrem Urlaubsort im hohen Norden zugeschickt hat. Er beschließt, mit einem kleinen Brief zu antworten, setzt sich auf seinen Balans-Stuhl und schreibt: "Meine Liebe! Ich hätte jetzt gern einen Mantel an. Am liebsten den beigen Dufflecoat, den wir in Shetland gekauft haben, der mit den großen Taschen, in die das Telephonbuch einer kleinen Großstadt und noch mehr reinpaßt. In der Welttemperaturentabelle der "Neuen Züricher Zeitung" habe ich gelesen, daß es in Reykjavik nur sieben Grad hat. Wie ich dich beneide! Ich habe mir heute ein elektronisches Thermometer gekauft, mit Zehntelgradanzeige. Zwischen 18.00 und 22.30 (jetzt) ist die Temperatur in der Wohnung nur von 27,4° auf 27,2° zurückgegangen. Wenigstens regnet es. Weißt du eigentlich, was die Mücken bei Regen machen? Ich meine, wenn eine Mücke von einem dieser riesigen Regentropfen getroffen wird, müßte sie doch eine Gehirnerschütterung bekommen. (Macht die Hitze mich geckenhaft reden?) Alles Liebe, bis zum Herbst, dein Sommerverächter."
Er geht zum Kleiderschrank, holt seinen Dufflecoat heraus, nimmt ihn in den Arm, ja: Er umarmt seinen Mantel, der ein wenig muffig riecht und längst mal wieder ins Freie müsste. Er zieht den Mantel an, stellt sich vor den Spiegel, erschrickt wie immer ein wenig über sein rotes Schweißantlitz und denkt: "Am besten seh ich aus, wenn ich ein wenig friere. Auch frierende Frauen sind hübscher. Habe ich nicht einmal zwei frierende junge Spanierinnen mit gelben Rucksäcken fotografiert? Der Kasten mit den Fotos seiner vielen Nordlandreisen müßte im Bücherregal stehen. Der Sommerverächter geht hin, und ihm fällt ein zerlesener kleiner Band in die Hand, Adalbert Stifters berühmte Schilderung eines Schneesturms im Bayrischen Wald. Er steckt sie sich in die Manteltasche; vielleicht wird er sie heute noch einmal lesen. Herrlich, was alles in den Mantel hineinpaßt! Alles: Geldbörse, Zigaretten, Einkaufsbeutel, Notizbuch und Lektüre für den Bus. Wohin damit im Sommer, zur mantellosen Zeit? Gute Taschen und Beutel gibt es nicht. In die kleineren paßt nichts hinein, und in den großen ist man ständig am Kramen, weil alles darin verschwindet. Die Menschheit wird niemals in Frieden leben. Das ist sicher. Aber genauso sicher ist, daß die Menschheit niemals eine anständige Tasche, eine sowohl praktische und unverwüstliche als auch geschmacklich ansprechende, zustande bringen wird. Es lebe daher die Manteltasche! Und nieder mit dem Sommer! Derlei denkend oder murmelnd, knöpft sich der Sommerverächter den Dufflecoat zu, geht runter auf die Straße und tritt in ein Lokal. Die Gespräche der Gäste verstummen. Man betrachtet ihn mit Argwohn, stellt Fragen, erhält keine Antwort, und schließlich wird gejohlt. Der Sommerverächter trinkt hastig ein Bier; Schweißtropfen brennen wie Kräutershampoo in seinem hundemüden Augenpaar. Er wirft dem kaum bekleideten Gastwirt ein Geldstück hin und geht. Wieder zu Hause angekommen, schreibt er einen Brief. Er weiß noch nicht, an wen:
"Als ich das letzte Mal eine Freiheit genoß, gab ich mich verschlossen gegenüber welchen, die Auskunft wollten. Die Freiheit bestand darin, ohne was zu reden, Gewagtes schamlos zu behaupten. Diejenigen die Auskunft wollten, waren einerseits Frauen mit dreieckigen Ohrringen und andererseits Männer, deren Berufe direkt oder indirekit von der Autoindustrie abhängen. Menschen also, denen sich Gewagtdenker gerne mal verschließen. Nun sitzte ich aber hier, wo Dreieckigkeit und Autofabrikation kaum je eine Chance hätten, nennenswerten Applaus zu ernten, d.h. in meiner Wohnung. Hier kann ich es wagen, genannte schamlose, aber deswegen nicht kurzsichtige oder obszöne Behauptung zum Klingen zu bringen und so zur Diskussion zu stellen.
Die Behauptung lautet: Viele Menschen hassen den Sommer. Doch niemand ist verpönter als einer, der den Mut besitzt, sich und anderen einzugestehen, daß er dem Sommer nicht nur für sich persönlich keine gute Seite abgewinnen kann, sondern ihn regelrecht haßt und ihm den Vorwurf macht, an Übellaunigkeit und Antriebsschwäche schuld zu sein.
Dabei hat auch der Sommer durchaus schöne Tage, an denen es nur 15 Grad hat, ein freundlicher Wind die Windjacken wölbt und der Himmel die durstige Schöpfung labt. Doch dann wird gemault und gejammert, und die Medien überbieten einander mit langweiligen, leutseligen Wetterbedauerungen.
Doch freilich sind's die heißen Tage, die uns Sommerverächtern am meisten auf die Nerven gehen. Sofort reißen sich die Leute die Kleider vom Leibe und und finden es offenbar völlig normal, in Unterwäsche Kunden zu bedienen, Kinder zu unterrichten oder Kirchen zu besichtigen. Das Geld, was sie an der Kleidung sparen, wird dann für Urlaube in bratpfannenheißen Ländern ausgegeben. Mit verkohlten Visagen kehrt man zurück, sieht aus wie die Kinder von Seveso, hält es dabei aber für erstrebenswert wie das Opfer einer Giftgaskatastrophe auszusehen.
Die Unverkohlten werden getadelt: Man solle mal an die Sonne gehen und wie man bei so schönem Wetter in der Bude sitzen könne. Wagt man es dann, kleinlaut darauf hinzuweisen, daß Sonnenbäder die zweithäufigste Krebsursache nach dem Rauchen darstellen und daß man dann doch lieber rauche, wird man zum Miesepeter und Sonderling erklärt. Rauchen kann man im Sommer sowieso nicht unterwegs. Wo soll man denn die Zigaretten hintun? Wenn man sie in die Gesäßtasche tut, werden sie zerquetscht. Trägt man sie aber in der Brusttasche des Hemdes, sieht es aus, als habe man einen Busen. Und sonst? Was ist dran an wespenumschwirrten Abfallbehältern, schokoladeneisverschmierten Kindermündern und öffentlichen Bädern, wo einem Kinder auf den Kopf springen und man Menschen beobachten kann, die nicht wissen, wie man im Liegen raucht?
Doch es sind nicht solche kleinen Unerfreulichkeiten, die einen zum Sommerverächter werden lassen, sondern die gnadenlose Sommereuphorie, die nichts anderes als sich selbst duldet und die schon so viele, die an ihr nicht teilhaben konnten, in den Tod getrieben hat. Daß hierzulande die Selbstmordrate keineswegs im November, sondern im Mai, Juni und Julie am höchsten ist, muß direkt jenen angelastet werden, die in buntgeschürzten Gruppen munter schwatzend mit Sportgerät und Laken den Parkanlagen entgegenstreben. Wer wagt es schon, einer solchen frohen Meute entgegenzurufen: Ich bin anders als ihr! Kaum einer. Die meisten fügen sich, nur um nicht abseits zu stehen, dem sommlichen Irrsinn, lassen sich heimlich leidend den Leib verbrennen, machen also, wie es heißt, gute Miene zum bösen Spiel. Andere resignieren und sterben. Hier gilt es, Mut zu zeigen und Hilfe zu leisten"
Der Sommerverächter hält inne, denkt nach, versieht das Geschriebene mit dem Postskriptum: "Diese Zuschrift soll als Aufruf zur Gründung einer Selbsthilfegruppe verstanden werden", steckt es in einen Umschlag und schickt es an eine große Zeitung. Da grade Sommerloch ist, Ereignisse also zu faul sind, sich zu ereignen, wird der Brief prompt abgedruckt. Tausende Zuschriften folgen im Nu. Rasch wird ein Verein gegründet, ein Clubhaus wird gebaut an einem kühlen Ort, wo regelmäßig Geselligkeiten und Ingmar-Bergman-Retrospektiven stattfinden. Prominente Sommerverächter sind gerngesehene Talkshowgäste, da sie meist geistreich sind und kaum jemals Berufe haben, die direkt oder indirekt von der Autoindustrie abhängen. Sommerverächter emanzipieren sich landesweit, alles wird besser. Man hört auch bereits von vereinzelten Mischehen, die aber naturgemäß Ausnahmen bleiben werden.
[email protected]/MSIGamingXGTX1080TI/AsusZ170ProGaming/16GBDDR4 2666/250GBSSD/240GBSSD/2TBHDD/630W bequiet

Kommentare

  • Taikato
    2343 postsMember, Battlefield 3, Battlefield 4, Battlefield 1, Battlefield V Member
    @gurkenpabst
    sry habe es jetzt erst (fast 4 wochen verspätet) zur kenntnis genommen. sehr schön und ist mir ein hooah absolut wert. weiter so soldat. :) ;)

    ------------------------- Yasukuni no Sakura no shita de aou -------------------------

Anmelden oder Registrieren, um zu kommentieren.

Hallo, Fremder!

Scheinbar bist du neu hier. Wenn du mitmachen willst, Wähle eine der folgenden Optionen!